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Jürgen - der gleichzeitig Früh- & Spätberufene: Rugbybiografie

Wie ich zum Rugbyspieler wurde und was ich daran so aufregend finde

Der frühe erste Kontakt

In der Schule galt ich als guter, wenngleich nicht überragender Sportler. Egal, ob

Fußball, Eis- /Ballhockey oder Judo, die Skills erwiesen sich als brauchbar, ohne den

gehobenen Durchschnitt weit zu überragen. Lediglich im Mittelstreckenlauf erwies

ich mich schulübergreifend als einer der Schnelleren in Klagenfurt. Mein geschätzter

Sportprofessor Robert Kropiunik (der jüngst seinen 80er feierte!) sah mich schon als

800-Meter-Talent auf der Tartanbahn.


Es blieben einmalige Ausflüge in das Leichtathletiklager, einem Ball oder Puck im

Burschengroßgeschwader nachzujagen behagte mir mehr, als das Leichtathletikoval.

Deren Akitve trainieren übrigens unvorstellbar hart. Derselbe Kropiunik infizierte

mich als Schüler als Zugabe mit dem Rugbyvirus. Er ließ uns zwei oder dreimal ein

rugbyähnliches Spiel abspulen. Dabei ging es vogelwild zu, heute würden sich

Sportlehrer wegen Haftungsfragen halb zu Tode fürchten, Mitte der 80er noch kein

Thema. Jedenfalls konnte ich mich in diesem Spiel auch gegen die Alpha-Burschen

gut behaupten, physisch glich mein Körper den Fähigkeiten im Sport:

Durchschnittlich. Aber ich verstand mich gegen die körperlich schon besser

entwickelten Jugendlichen durchzusetzen. Es war das erste überwältigendes Erlebnis

für einen Burschen, gerade kein Dreikäsehoch mehr. Ich war im positiven Sinne

infiziert.


Die Inkubationszeit vom Rugbyvirus währte ein ganzes langes Jahrzehnt. Ich befand

mich in den frühen 20ern,war längst der Schule entwachsen und ein neuer Job hielt

mich beruflich ständig auf Trab. Davor führte mich eine Reise nach London, während

der Rugby-WM 1995. Die lief zwar in Südafrika, war aber überall außerordentlich

präsent. Mein Kulturausflug geriet zum Sporttourismus, anstatt Madame Tussauds,

Tower & Dungeon standen All Blacks, Springboks & Co. auf der Agenda. Bei

schlechten englischen Pints, wo ich in noch schlechterem Englisch die Regeln

erfragte. Die damalige Freundin wünschte mir das Dungeon. Mindestens. Dabei war

sie nicht einmal mit.



Die ersten Schritte

Beinahe ebbte das Rugbyfieber wieder ab. Einige Monate später kam mir aber zu

Ohren, dass sich eine Gruppe Unentwegter regelmäßig in Villach zum Kampf um das

Ei traf. Just gegenüber der Eishalle vom großen Eishockey-Lokalrivalen, initiiert von

Alan Drewett, der ein nahes Pub führte und selbst auf gehobenem Niveau spielen

konnte. Erstmals betrat ich den Trainingsplatz und war sofort geflasht. Die

Glückshormone ließen die Neuronen bei jedem noch so patscherten Tackle einen

Riverdance steppen. Mit dem Ball zog ich von Beginn an den Sidestep der brachialen

Konfrontation vor.


Das Abenteuer endete bedauerlicherweise schnell. Mein damaliger Chef, ein Mann

mit Villach-Bezug, bekam rasch Wind von meiner neuen Leidenschaft. Er zeigte sich

keineswegs hocherfreut und fürchtete um meine körperliche Unversehrtheit.

Selbstredend aber vor allem um meine Arbeitskraft. "Zu gefährlich!", so der

gestrenge Dienstherr, der in seiner Jugend selbst kein unbekannter Ballsportler war.

Erstmalig war ich mit Vorurteilen konfrontiert, ein gleichsam ärgerliches,

verzichtbares wie sich wiederholendes Erlebnis. Würde er dasselbe sagen, wenn ich

regelmäßig auf Schiern stehe? Den Zusammenhang zwischen Gefahrenschätzung

und kultureller Verankerung eines Sports realisierte ich erst viel später. Schifahren ist

nachweislich gefährlicher, da werden in Österreich Verletzungen aber ohne große

subtiler oder offener Androhungen akzeptiert. Es ist halt Schifahren, zugleich die

sportliche Großkathedrale und heilige Kuh der Republik. Meine beruflichen Einsätze

in- und außerhalb Österreichs ermöglichten kein geregeltes Training. Also ließ ich es

schweren Herzens sein. Ein richtiges Spiel war mir nicht vergönnt. Noch nicht.



Rugby for Lifetime als Spätberufener

Wieder ging ein Jahrzehnt ins Land, mittlerweile studierte ich im 2. Bildungsweg

Publizistik an der Klagenfurter Universität. Hier kam ich abermals mit Rugby in

Kontakt, diesmal über Erasmus-Studenten, die sehr bedauerten, dass es in Kärnten

keinen Club gibt, dem sie sich anschließen konnten. Dass es so einen mit den

"Matadors" bereits seit Ende 2003 in Paternion gab, ging an mir vorüber. Von einem

Prediger gegründet, wie trefflich, unserem Sport ist der Kleinheit wegen bis zum

heutigen Tag Segen von oben bekömmlich. Die Weltmeisterschaft 2007 in Frankreich

war ein sogar in Österreich wahrnehmbares Sportweltereignis, nicht zuletzt wegen

ikonischer Spieler wie Sébastien Chabal. Die WM entfachte neuerlich mein Feuer.

"Jetzt aber wirklich", so ich zu mir. Ich ging auf die 35 zu und wollte es endlich

wissen.


Im Oktober 2008 war es dann so weit. Im zarten Alter von 36 Jahren stand ich

erstmals auf dem Platz in einem richtigen Spiel. Die Spielgemeinschaft "Kärnten"

(Paternion, Arnoldstein und das von mir gegründete Klagenfurt) stand in Paternion

der Auswahl von Niederösterreich gegenüber. Als unterzähliges Team (nur 14 statt

15 Mann) und gespickt mit zahlreichen Newbies verloren wir sang- & klanglos knapp

mit 0:102. Ich spielte auf der Position eines Centers und hatte während der

gesamten 80 Minuten lediglich drei oder vier Ballkontakte.


Dennoch durchströmten überwältigende Glücksgefühle Geist und Körper. Der Sport

ließ mich für einige Stunden alles vergessen, was mich im Alltag quälte. Wirklich alles.

Sicher, dafür muss niemand Rugby spielen. Aber diese körperliche Intensität unter

strengen Regeln, die absolute Abhängigkeit von seinen Mitspielern, das bei aller

Härte auf dem Platz herrschende Sportmanship lassen sich anderswo selten finden.

Im Rugbyspiel bindet man sich bei gewissen Spielsituationen. Die Spieler bilden

gewissermaßen ein Rudel, indem man seine Mitspieler und Gegenspieler

gleichermaßen an der Wäsche und Körper ergreift und versucht den Gegner

wegzuschieben. Ein Knäuel von Leibern, die sich zu einem Körper verschmelzen, um

ein gemeinsames Ziel zu erreichen. Das existiert ansonsten in keinem Sport. Die viel

strapazierte Metapher "Team" & Teamsport" ist so körperlich erfahrbar und ein

echtes Alleinstellungsmerkmal.


Nach dem Spiel spürte ich jeden Knochen, jede Sehne, ich spürte Muskeln, von deren

Existenz ich bis zu diesem Zeitpunkt nichts wusste. Dennoch trug ich Erschöpfung

und die nicht sichtbaren Narben mit Stolz. Nun bin ich doch noch ein echter "Rugger"

geworden. "Chabal für Arme", riefen mich die Mitspieler meiner damaligen wilden

langen Haare wegen. Mir wurde gewahr, etwas gemacht zu haben, was nicht jeder

beherrscht. Nicht wegen des Körpers, wegen des Mindsets, das ein Rugger benötigt.

Erstaunt und dankbar verspürte ich die Ausgeglichenheit nach dieser

Premierenschlacht um das Eierlaberl. Ein Gefühl, das ich nicht mehr missen möchte.


Erstmals lernte ich nach dem Spiel auch die Rugbykultur kennen. Rund 40 Beteiligte

(Spieler, Offizielle und Schiedsrichter) feierten nach dem Schlusspfiff ein rauschendes

Fest, ehrten die Tagesbesten, zelebrierten einige lustige Spiele. Einige

Niederösterreicher liefen splitternackt eine Runde um den Platz. Der "Zulu", von

Verbandsfunktionären nicht immer gerne gesehen, aber eine beliebte Tradition für

Spieler, die ihre ersten Versuche (Punkte) ihrer Karriere erzielten. Der Zeitpunkt

meines Zulus lag für mich noch in der Ferne. Er sollte aber kommen,

praktischerweise im Ausland, sodass keine Fotos vom spontaner FKK am Sportplatz

im Umlauf sind. Zum Zulu wird übrigens niemand gezwungen und die Ehrenrunde ist

nicht überall erwünscht oder üblich. Rugby versteht sich als weltumspannende

Community mit regionalen Eigenheiten, nicht als Sekte.


15 Jahre später bin ich immer noch aktiv. Ich feierte 2022 meinen 50. Geburtstag

und beendete gefühlt schon 15 x die Spielerkarriere. Ganz konnte ich nie die Finger

davon lassen, selbst wenn sich von außen die Stimmen "jössas, des in deinem Alter?"

häuften. Sollen sie doch quatschen was sie wollen, sie ahnen nicht, was mir dieser

Sport gibt. Ich spiele, solange mich die Knochen dafür tragen, der Zeitpunkt vom

Ende als kommt ohnehin viel zu früh, die Zeit danach wird viel zu lange.


Als Spieler gilt für mich das, was schon in meiner Jugend für Sport galt: Respektabel,

aber nicht überragend. Für einen richtig guten, kompletten Spieler lernte ich das ein

wenig zu spät. Glücklicherweise gibt es innerhalb von Rugby viele verschiedene

Aufgaben, wo jeder seine individuellen Stärken einbringen kann. Von meiner

früheren Sportarten erwiesen sich erlernte Fähigkeiten als einsetzbar, wie die

Fallschule vom Judo, oder die Bewegungsmuster vom Fußball. Der stämmige

Spielertyp wirft sein schieres Gewicht und Urgewalt in die Waagschale. Der leichte,

flinke Rugger seine Antriebsschnelligkeit. Der schlaksige Riese stellt seine Lufthoheit

in den Dienst der Mannschaft. Der Feinmotoriker sein Ballhandling für zielgenaue

Pässe. Sie alle, wirklich alle, werden in einer funktionierenden Truppe benötigt und

ergeben eine meisterhafte, einmalige Komposition in der Sportwelt. Würde man

Rugby vertonen, am Ende würde eine monumentale Rockoper in drei Akten die

Bühnen beleben. Als After-Match-Zugabe gibt es feinste Partymusik. Ein Sport für

alle Körper und Freunde des geselligen Miteinanders.


Von Verletzungen blieb ich ebenfalls nicht verschont. Sie kommen vor, es ist sinnlos,

es wegdiskutieren oder das Spiel gefährlicher darzustellen, als es tatsächlich ist.

Aber viele aufregende Dinge im Leben beinhalten ohnehin etwas Gefahr. Es ist ein

Teil vom Spiel, der sich durch angeleitetes Training, Disziplin & Fairness erheblich

reduziert. Ich kann jedem und jeder (Frauen spielen ausgezeichnet nach demselben

Reglement) nur wärmstens einen versuch empfehlen.



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